Exkursion zur russisch-orthodoxen Kirche in der Allee der Kosmonauten, Berlin
Foto: M. Haar

Abwechslungsreich und voller Begegnung war der Aufbaukurs „Leitung in Kirche und Gemeinde“, der im November in Berlin stattfinden konnte. Die vier Tage drehten sich rund um Leitung in verschiedenen Kirchen und Gemeindebünden, wobei sowohl Leitungspersonen aus den Kirchen als auch Wissenschaftler:innen referierten. Besondere Highlights waren die Exkursionen, mit denen wir vor Ort unter dem Eindruck der Räumlichkeiten über die Hierarchien der jeweiligen Kirche bzw. des Bundes informiert wurden. 

Auch die Teilnehmenden selbst stammten aus unterschiedlichen Kirchen und Gemeindebünden – mit je unterschiedlichen Leitungsstrukturen –, in denen sie teils ehrenamtlich, teils hauptamtlich tätig sind. So gab es viel Stoff für Austausch nach den Vorträgen sowie während der Mahlzeiten und in der Freizeit. Die Stimmung war so herzlich, dass abends nach Ende des Programms oft beisammen gegessen, gefragt und persönliche Einblicke geteilt wurde/n.  

Zum breiten Themenfeld der Woche gehörten u.a. neutestamentliche Leitungsbegriffe, Leitung in der anglikanischen und der röm.-katholischen Kirche, gesellschaftlicher Kontext von kirchlichen Leitungsstrukturen und die Rolle des Ehrenamtes. Einige Themen seien hier beispielhaft zusammengefasst: 

Die Woche begann beim Ausgangspunkt für alle, die einer der Landeskirchen angehören: mit den Landeskirchen, die teils stärker um die Synode teils um den:die Bischöf:in strukturiert sind oder deutlicher zwischen verschiedenen Gremien trennen, die sich im Sinne der Gewaltenteilung gegenseitig überprüfen. Gleichzeitig wurden hier grundlegende Begriffe wie episkopal, konsistorial, synodal, presbyterial und kongregational eingeführt. 

Die Neuapostolische Kirche (NAK) zeichnet sich durch viele, wenn auch in einer Reform kürzlich etwas reduzierte Ämter aus, die bis heute stark hierarchisch organisiert sind und größtenteils ehrenamtlich sowie nur von Männern besetzt werden.  

Die byzantinische Orthodoxie, zu der u.a. die russisch-orthodoxe Kirche zählt, bei der wir zu Gast sein durften, ist synodal geprägt, was bedeutet, dass ihre Bischöfe gemeinsam eine Lösung suchen, der alle zustimmen können (ähnlich dem Konsensverfahren). Diese Synoden werden von einem Vorsteher, oftmals Patriarchen geleitet, der jedoch weiterhin als Bischof unter Bischöfen verstanden wird. Im Gegensatz zur NAK nehmen Ehrenamtliche hier auf Gemeindeebene eine unterstützende, keine leitende Rolle, ein. 

In den Pfingstkirchen (konkret BFP) nehmen unter dem Stichwort des Apostelamtes hierarchische Strukturen in den letzten Jahrzehnten enorm zu. Die Pastor:innen nehmen in der Gemeinde wie übergemeindlich eine zentrale Stellung ein, auch wenn ebenfalls die Gemeinden ehrenamtliche Vertreter:innen in der Bundeskonferenz haben.  

Ganz anders lernten wir die Leitungsstrukturen im BEFG (Baptisten- und Brüdergemeinden) kennen, die sich unter Berufung auf das Priestertum aller Gläubigen durch eine flache Hierarchie mit einer hohen Beteiligung der Ehrenamtlichen auszeichnen. Dabei erfordern Entscheidungsfindungsprozesse Zeit und Gesprächsbereitschaft, durch die Kompromisse gefunden werden. Die einzelnen Gemeinden stehen dabei nicht unter dem Bund, sondern folgen freiwillig, weil selbstbestimmt den Beschlüssen des Bundes. Dabei sind zwischen den Gemeinden unterschiedliche Positionen z.B. zur Frauenordination oder Umgang mit queeren Menschen möglich. 

Verschiedene Weltkirchen, wie z.B. der Anglikanismus, erleben z.Z. starke Zerreißproben. Das hat damit zu tun, dass sich die kulturellen und religiösen Normen in den verschiedenen Ländern und Kontinenten z.T. unterscheiden, noch mehr aber damit, dass durch die Kirchen und durch die Regionen ein größer werdender Riss zwischen progressiver und konservativer Ethik, je verbunden mit verschiedenen Bibelverständnissen, geht. Dieser Riss ist den verschiedenen Weltkirchen oftmals gemeinsam und ermöglicht zukünftig vermutlich mehr Nähe zwischen einzelnen Gruppierungen verschiedener Kirchen als innerhalb der Kirchen. Themen sind dabei u.a. Frauenordination sowie Segnung, Heirat oder Ordination für queere Menschen.   

Die Woche war also sichtlich intensiv und spannend und hat mir persönlich Überblick wie Einblick in Leitungsverständnisse, aber auch in Kirchen und Gemeindebünde selbst gegeben. Ich als Studentin bin dankbar, dass mir und weiteren Studierenden die Teilnahme durch die finanzielle Unterstützung der Stiftung Bekennen und Versöhnen ermöglicht wurde.

Paulien Wagener 

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Pfr. Dr. Lothar Triebel
Referent für Freikirchen

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