Vom 8. bis 10. September 2022 fand das 3. Junge Forum Freikirchen (JFF) statt, wiederum hybrid: Einige der Teilnehmer*innen waren zum Tagungsort in der Theologischen Hochschule Ewersbach (Dillkreis) online zugeschaltet.

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Ausgerichtet vom Referat Freikirchen des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim, unter Leitung von Pfr. Dr. Lothar Triebel, hatte ein studentisches Team bestehend aus Lukas Link (stud. theol.), Gero Menzel (B.A.), Caroline Sosna (M.A.) sowie Vikar Patrick Haase das diesjährige Programm mit gemeinsam ausgearbeitet.

Am späten Nachmittag hieß Rektor Prof. Dr. Andreas Heiser alle Teilnehmenden in der Theologische Hochschule Ewersbach (THE) bzw. am Laptop zugeschaltet herzlich willkommen. Nach einer Vorstellungsrunde mit allen Teilnehmer:innen im hybriden Plenum gab uns Dr. Triebel und sein Team einen Rückblick auf das JFF 2020 mit den Fragestellungen, ob die Begriffe „Freikirche“ und „neopentekostal“ unverzichtbar und gleichzeitig unbrauchbar sind, sowie auf das JFF 2021, das unter der Überschrift „Zwischen Berufung und Bibelkritik: Theologische Ausbildungen ökumenisch diskutiert“ gestanden hatte. Daraufhin leitete Lukas Link in das diesjährige Thema, der freikirchliche Gottesdienst, ein und hob anhand von Statistiken, die die hohe Besucherquote freikirchlicher Gottesdienste aufzeigten, die Zentralität des Gottesdienstbesuchs in Freikirchen und damit auch die Relevanz des Tagungsthemas hervor. Daran anschließend diskutierten wir zunächst in Kleingruppen und dann im Plenum, was eigentlich einen Gottesdienst ausmache bzw. was für uns konstitutive Elemente des Gottesdienstes sind. Hier zeigten sich bereits Unterschiede unserer jeweiligen Gottesdienstverständnisse und die Pluralität unserer Tagungsgruppe aus Mitgliedern von Freikirchen und Landeskirchen sowie römisch-katholisch sozialisierten Menschen: Gehört für den einen das Abendmahl ganz fest in jeden Gottesdienst, ist es für die andere die Musik, die unverzichtbar sei. Zudem fragten wir uns, gerade auch mit den Erfahrungen der Pandemie, ob eine physische (Ko-)Präsenz nötig ist. Als typisch für einen Gottesdienst kristallisierte sich seine Öffentlichkeit und Institutionalität heraus. Zuletzt erschien uns eine Art Cluster-Definition als recht sinnvoll (alles kann, nichts muss, aber wenn vieles zusammenkommt, ist es wahrscheinlich ein Gottesdienst). Unter dem Titel „Beamer-Ökumene – oder doch noch etwas mehr? Erfahrungen und Erwartungen der Teilnehmer:innen“ und unter Leitung von Caroline Sosna teilten wir anschließend im Think-pair-share-Format unsere persönlichen positiven, aber auch negativen Gottesdiensterfahrungen – Irritierendes sowie Überraschendes spiegelte sich in vielen kleinen Anekdoten wider, was im Tagesausklang natürlich noch vertieft werden konnte.

In den nächsten Morgen starteten wir zunächst mit einer von Anne M. Hansen (Pastorale Mitarbeiterin der Mennonitengemeinde Stuttgart) geleiteten Andacht. Danach teilte Prof. Dr. Stefan Schweyer (STH Basel) Erkenntnisse aus seiner wissenschaftlichen Untersuchung freikirchlicher Gottesdienste unter dem Titel „Der gefeierte Gottesdienst als Primärquelle der Theologie“. Was freikirchliche Gottesdienste demnach unter anderem ausmache, sei eine Sprache der Nähe, nicht der Distanz, und eine expressive Haltung, bei der spürbar und sichtbar werden solle, was innerlich vor sich geht. Außerdem, so resümierte Prof. Schweyer, sei der Gottesdienst nicht nur normativ, sondern auch deskriptiv der Mittelpunkt der Gemeinschaft im freikirchlichen Gottesdienstverständnis. Die Prämisse seiner Untersuchung war, dass die gottesdienstliche Praxis sich als gelebte Theologie interpretieren lässt. So fragte, er, wie aus gefeierten Gottesdiensten eine Theologie abgeleitet werden kann, zumal es keine etablierte freikirchliche Theologie gebe. Bei seinen Untersuchungen, die er auf Gottesdienstbesuche und Interviews in verschiedenen Gemeinden stützt, stellte sich heraus, dass die persönliche Gottesbeziehung ein tragendes Element freikirchlicher Gottesdienste ist, ebenso wie die Gemeinschaft, die sich auch nach dem Gottesdienst im Kirchencafé zeige. Zudem werde spontanes Geisteswirken in allen erwartet, und Predigt und Lobpreis wiesen die höchste Priorität und Professionalität auf. Nach diesem inhaltsreichen und interessanten Vortrag mit anschließender Diskussion führte uns Prof. Dr. Dr. Arndt Schnepper durch die Hochschule und öffnete den Raum für ein Q&A zur gottesdienstlichen Ausbildung in der Theologischen Hochschule Ewersbach.

Am frühen Nachmittag gingen wir in den nächsten Programmpunkt über: eine Podiumsdiskussion mit ca. 10-minütigen Impulsen über das jeweilige Gottesdienstverständnis rund um die Frage: Wie frei darf/muss/kann der Gottesdienst sein? Es referierten Andreas Eichberger (Pastor im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden), Anne M. Hansen (Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden), Dr. Dr. Arndt Schnepper (Professor an der THE im Bund Freier evangelischer Gemeinden, BFeG) und Pfr. Dr. Thomas Melzl (Gottesdienstinstitut der Ev.-Lutherischen Kirche in Bayern) darüber, was die Gottesdienste in ihrer jeweiligen Tradition auszeichne. Eichberger nannte für die Pfingstgemeinde die „Erwartung des Unerwarteten“ und das niedrigschwellige Sich-Einbringen, Hansen für die mennonitische Gemeinde das „Priestertum aller Gläubigen“, das sich sowohl in der allgemeinen Offenheit und Diversität als auch im Predigtnachgespräch ausdrückt. Melzl führte aus, dass es zwar innerhalb der Landeskirchen eine vielfältige Gottesdienstlandschaft gibt, sich die dortigen Gottesdienste jedoch typischerweise durch eine hohe Verbindlichkeit der Form auszeichnen. Das Wesen des landeskirchlichen Gottesdienstes sei die Wiederholung von Anstieg (Einstimmen) und Abstieg (Ausklang) ähnlich einer Bergwanderung. Es sei gerade diese Liturgie, die das Einüben erfordere, die eine Gottesbegegnung fördere. Schnepper sagte, der Gottesdienst im Bereich des BFeG, der in Deutschland flächendeckend zumeist in kleinen Gemeinden gefeiert werde, sei durch seinen generationsübergreifenden Charakter, eine familiäre Atmosphäre und in der Zentralität des gemeinschaftlichen Lebens, das insbesondere im Gemeindekaffee seinen Ausdruck fände, charakterisiert. Es gebe keine Liturgie, und es werde auch nicht, wie in vielen Pfingstgemeinden, jeden Sonntag „eine Rakete abgeschossen“ – diese Art von Gottesdienst bilde somit die goldene Mitte.

Mit einer kleinen Einführung in die Methode der „Teilnehmenden Beobachtung“ – als Teil der sozialwissenschaftlich-ethnographischen Zugänge zur Gottesdiensterforschung – gab Caroline Sosna einige hilfreiche Hinweise für die eigene Umsetzung und ein erstes Ausprobieren am nächsten Tag im adventistischen Gottesdienst. Neben der Möglichkeit des Sich-Stellens vorab definierter Leitfragen, die man anschließend zu beantworten versucht, könne man sich beispielsweise auch im Gottesdienst einfach leiten lassen und „beobachten“, wo sich das eigene Interesse aufhängt oder wie andere Teilnehmer:innen auf bestimmte Ereignisse im Gottesdienst reagieren. Fragen waren zum Beispiel, wie sich die Menschen im Gottesdienst verhalten oder nach der Raumgestaltung. Wichtig sei bei jeder Methode, die eigenen Erfahrungen und Perspektiven „herauszurechnen“, um eine größtmögliche Neutralität der Beobachtung zu ermöglichen.

Danach teilten wir im offenen Plenum miteinander, was unserer Meinung nach freikirchliche und landeskirchliche Gottesdienstkonzepte voneinander lernen können. Hier nur ein Ausschnitt: Als Stärken des landeskirchlichen Gottesdienstes wurden die Fähigkeit, Stille auszuhalten, altes Liedgut zu bewahren, ein offizieller Abendmahlsgottesdienst statt ein „Hintendranhängen“ des Abendmahls, die Anbindung an die (akademische) evangelische Theologie und Kirchengeschichte (statt einem in Freikirchen häufig anzutreffenden immer wiederkehrenden Hinweis auf die „Urgemeinde“) sowie die konsequente Orientierung am Kirchenjahr genannt. Am freikirchlichen Gottesdienst wurden unter anderem die Willkommenskultur, die Fehlerkultur, die Hauskreisarbeit, die umfangreiche Laienbeteiligung und auch die Partizipationsintensität im Allgemeinen geschätzt. Darüber, wie sich konkret etwas voneinander übernehmen ließe und wo dies vielleicht auch nicht gewollt ist, konnte im Tagesausklang weiter debattiert werden.

Der Samstag begann mit einem Gottesdienstbesuch in der Adventgemeinde Marburg, der traditionsgemäß eine Bibelarbeit und einen sogenannten Predigtgottesdienst umfasst. Pastor Stefan Löbermann und Pastor in Ausbildung Philip Nern standen uns im Nachgang zu einem umfangreichen Reflektionsgespräch zur Verfügung und beantworteten mit einer ganz bemerkenswerten Offenheit und entgegengebrachtem Vertrauen all unsere Fragen. Beispielsweise sprachen wir darüber, wer in der Adventgemeinde Gottesdienste leiten darf und wie der typische Gottesdienst abläuft, aber auch über innergemeindliche Diskurse zum Thema „Frauenordination“ und über die Zusammenarbeit mit anderen Freikirchen. Es fiel auf, dass sich die Adventgemeinde – nicht anders als andere Kirchen – in eine große Vielfalt an Glaubensüberzeugungen von liberal-progressiv bis konservativ ausdifferenziert.

Mit dieser intensiven Diskussions- und Fragerunde gingen wir in die letzte Einheit der Tagung über: eine Auswertung, in der reihum jeder und jede teilte, was als besonders wiederholenswert erlebt wurde und was man das nächste Mal besser machen könnte. Als besonders wertvoll wurden der gemeinsame Gottesdienstbesuch und die offene Fragerunde im Anschluss sowie der Austausch in der Gruppe insgesamt empfunden. Als ausbaufähig wurde die häufige Betrachtung aus landeskirchlicher Perspektive (als vermeintlichem Standard) genannt – hier wäre eine ausgeglichenere Herangehensweise wünschenswert. Herr Triebel lobte außerdem das große Vorbereitungsteam und die damit verbundene Unterstützung, und er drückte seine Dankbarkeit dafür aus, dass die Stiftung Bekennen und Versöhnen des Evangelischen Bundes sowie die EKD diese Tagung finanziell ermöglicht haben. Ebenso dankte das Team Herrn Dr. Triebel für die gute Betreuung und Ermöglichung des JFF. Zu guter Letzt wählten wir das Thema für das JFF 2024: die Sakramente. Aber zunächst einmal in Vorfreude bis zum JFF 2023 zum Thema „Freikirchen und Judentum“!

Nina Burau

Ansprechpartner

Pfr. Dr. Lothar Triebel
Referent für Freikirchen

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